"Kinder haben das Recht auf ein bisschen Risiko"

Die amerikanische Autorin Kim Brooks hat in der New York Times diesen sehr fantastischen Essay über „Motherhood in the Age of Fear“ veröffentlicht und außerdem ein Buch darüber geschrieben Weil ich beides hochinteressant fand, habe ich Kim Brooks für die Süddeutsche Zeitung interviewt.

Das Interview könnt ihr hier mit SZ Plus lesen.

Mein Lieblingsabsatz hat nicht mehr auf die Seite gepasst. Den gibt es deswegen hier:

Wie bewertet man eigentlich, was wie gefährlich für Kinder ist?

Als Außenstehender kann man das eigentlich kaum, schließlich müsste man wissen, was das Kind schon kann, wie weit die Eltern weg sind, wann sie wieder kommen und so weiter. Interessanterweise spielen aber für die Risikoabschätzung moralische Fragen eine große Rolle, wie Barbara W. Sanecka, eine Wissenschaftlerin an der Universität von Kalifornien, herausgefunden hat.
Sie fragte Leute, für wie riskant und für wie akzeptabel sie es halten, ein Kind alleine zu lassen. Die Gründe variierten, zum Beispiel hatte die Mutter einen Unfall, ging arbeiten oder besuchte ihren Liebhaber. Dass die Befragten das Verhalten der Mütter unterschiedlich gut fanden, war daher zu erwarten. Doch auch das Risiko bewerteten sie unterschiedlich, dabei ist das völlig unlogisch. Sarnecka konnte damit beweisen, dass das Verhalten von Müttern manchmal nicht als falsch bezeichnet wird, weil es unverantwortlich ist – sondern dass man es als unverantwortlich bezeichnet, weil man es für moralisch falsch hält.

"Es geht vor allem um Macht"

Wie trennt man sich im Guten? Was bedeutet es für Kinder, wenn Familien auseinanderbrechen? Ein Gutachter, eine Richterin und eine Anwältin erzählen aus dem deutschen Trennungsalltag.

Seit vielen Jahren arbeiten sie in derselben deutschen Großstadt: eine Richterin, eine Familienanwältin und ein Gutachter. Der Bereich, in dem sie tätig sind, ist so emotional, dass sie teilweise schon bedroht wurden. Im Gespräch bleiben sie anonym, um offen sprechen zu können, ohne denen zu schaden, denen sie im Berufsalltag begegnen. Alle drei haben Kinder und sind lange verheiratet.

Das ganze Interview könnt ihr hier mit SZ Plus lesen. Hier noch meine Lieblingsstelle daraus:

SZ Familie: Sie alle hören vermutlich häufig den Satz „Es geht mir nur um das Kind“. Wie oft glauben Sie ihn?

Richterin: Komplett gelogen ist er selten. Gleichzeitig geht es immer auch um Kränkungen, um Geld, um das eigene Selbstbild als Mutter oder Vater.

Anwältin: Es geht vor allem um Macht.

Gutachter: Wobei das subjektive Empfinden eher Ohnmacht ist. Jeder hat das Gefühl: Der andere kann weiter über mein Leben bestimmen, obwohl wir uns getrennt haben.

Liebe Magdalena

ich habe Depressionen. Du weißt nicht, was das heißt, weil Du sieben Jahre alt bist. Müsste ich es Dir erklären, würde ich wahrscheinlich etwas sagen wie: „Die Mama ist krank, und ihre Krankheit ist, dass sie nicht aufstehen kann, nichts machen kann und die ganze Zeit sehr, sehr traurig ist.“ Ich musste es Dir noch nie erklären, denn seitdem Du alt genug bist, um Fragen zu stellen, hatte ich keine akute depressive Phase.

Du siehst, wie ich jeden Morgen gleichzeitig mit dem Kaffeepulver den hellgrünen Medikamentendispenser aus dem Schrank hole und zwei Tabletten nehme. Du hilfst mir auch manchmal, ihn wieder zu befüllen, drückst weiße Pillen (Anti­depressiva) und braune Dragees (Eisen) aus den Blistern und sortierst sie, jeden Tag von jedem eins, Montag, Dienstag, Mittwoch. Seitdem Du in die Schule gehst, legst Du Wert darauf, dass die Reihenfolge stimmt. Dein Papa sieht nicht so gerne, dass ich Dich das machen lasse, er findet, Medikamente sind kein Kinderspielzeug. Wenn Du mich fragst, warum ich Tabletten nehme, ob ich krank bin, sage ich: „Ich nehme Medikamente, damit ich nicht krank werde.“ Das verstehst Du. Dein Opa, Deine Uroma, viele Erwachsene, die Du kennst, schlucken Medikamente. Blutdruck, Cholesterin, Wechseljahre. Es ist nichts Ungewöhnliches, jeden Morgen eine kleine, weiße Tablette einzuwerfen. Meine Antidepressiva brauchen – im Moment – noch keine besondere Erklärung.

2011

Die Tür fällt zu. Sie hat innen keine Klinke, ich komme jetzt nicht mehr raus zu Dir, Magdalena.



Der ganze Text steht in der aktuellen Ausgabe von Süddeutsche Zeitung Familie, hier bestellen.

Es piept wohl

Eltern passen oft nicht richtig auf ihre Kinder auf. Nur, wer ist schuld? Na klar, das Smartphone. Aber machen wir es uns mit dieser Argumentation nicht ein bisschen einfach? Eine Widerrede.

„Kinder im Schwimmbad verunglückt, weil Mutter einen Roman gelesen hat.“ „Griff zum Strickzeug im Schwimmbad ist riskant.“ „Bademeister warnt: Eltern gucken im Schwimmbad mehr in Zeitung als auf ihre Kinder.“ Alles Schlagzeilen, die in den vergangenen Wochen erschienen sind? Natürlich nicht. Die Schuld an den überdurchschnittlich vielen Schwimmbadunglücken in diesem überaus sonnigen Sommer hat angeblich das Smartphone. Allerdings sind auch schon vor der Vorstellung des ersten Smartphones Unfälle passiert. Und natürlich könnte die Zunahme bei den Badeunfällen auch etwas damit zu tun haben, dass Kinder schlechter schwimmen können als früher, weil es in Schulen zu wenig Schwimmunterricht gibt und immer mehr Bäder schließen. Oder damit, dass in diesem Supersommer viel mehr Leute viel öfter im Freibad waren. Aber was soll die Differenzierung, wenn es doch so einen naheliegenden kleinen, piepsenden Störenfried als Schuldigen gibt, der in der Handtasche der Mutter herumbrummt und sie derart ablenkt, dass sie nicht mehr auf ihren Nachwuchs schaut?

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So war es auf der Blogfamilia

Die größte Elternblogger-Konferenz Deutschlands zeigt: Zwischen Nähanleitungen und Erziehungstipps ist im Netz eine starke politische Lobby entstanden.

Hier trägt jemand eine Aprikosenbluse. Dort sieht man ein Kleid mit Füchsen. Und wer weder süßes Obst noch putzige Tierchen auf der Kleidung hat, schwelgt mindestens in Blumenmustern. Alles ist so bunt. Und so laut. Zwischen Luftballontrauben und im Weg stehenden Buggys streiten Kinder um Schoko-Cake-Pops, Helferinnen in knalligen T-Shirts wuseln herum, und jeder begrüßt überschwänglich irgendjemanden, den er im echten Leben noch nie gesehen hat. Politische Konferenzen stellt man sich anders vor. Und trotzdem parkt vor dem Tagungshotel eine Limousine der Bundesregierung, aus der soeben Franziska Giffey samt Personenschützer, Büroleiterin und Sohn aussteigt. Zum ersten Mal beehrt eine Familienministerin persönlich die Veranstaltung.

Die Blogfamilia in Berlin ist die größte Elternbloggerkonferenz Deutschlands. 180 Mütter und Väter sind gekommen, um mehr über erfolgreiches Publizieren im Internet zu lernen, sich zu vernetzen und Sponsoren zu gewinnen. Die Familienministerin spricht das Grußwort. Giffey ist 40 Jahre alt und hat ein kleines Kind. Sie befindet sich also in der gleichen Lebensphase wie ihr Publikum. Optisch fällt sie mit ihrem marineblauen Etuikleid, dem weißen Blazer und der altmodischen Hochsteckfrisur allerdings aus dem Rahmen.

„Jetzt wird’s formell“, sagt sie denn auch, bevor sie eine freundliche Buzzwordsoße über die Bloggerinnen und Blogger kippt.

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Elterngeldarithmetik und Gerechtigkeitsgedanken

Es sind zwei Dinge, die mich zu diessem Text bewegen. Zum einen der Tweef zwischen @herrfranken und @j_koenig zum Thema Aufteilung des Elterngeldes. Zum anderen ein Artikel auf der Website des Deutschlandfunks, dazu gleich mehr.

Im erwähnten Twitter-Streit gerieten die beiden Väter und Feministen aneinander, weil Robert Franken in einem Tweet die gerechte Aufteilung der Elterngeldmonate in heterosexuellen Beziehungen auf Mutter und Vater als Idee für eine gerechte Familienpolitik ins Spiel brachte: Er schlägt vor, die Elternzeit gesetzlich auf sieben Monate für die Mutter und sieben Monate für den Vater festzulegen. Das wäre eine Änderung der aktuellen Regelung. Sie stellt Eltern größtenteils frei, wie sie sich die 14 Monate aufteilen, die ihnen zustehen  Das führt häufig dazu, dass Mütter ein Jahr Elternzeit nehmen und Väter zwei Monate – die Mindestdauer, wenn beide Elternteile Elternzeit nehmen wollen. In dieser Art der zeitlichen Aufteilung werden die beiden Väter-Monate von einer bestimmten Schicht gerne genutzt, um sich einen staatlich finanzierten Urlaub zu gönnen. Von den zwei Dritteln aller Väter, die ihre zwei möglichen Elterngeldmonate eh verfallen lassen, ganz zu schweigen.

Es klingt nach einer guten Idee: Eine 7+7-Regelung würde das Risiko, dass der Arbeitnehmer/die Arbeitnehmerin wegen Familiengründung ausfällt, gerecht auf weibliche und männliche Schultern verteilen. So wäre für die Firmen die Einstellung von Frauen und Männern gleich riskant. Klingt also super und Franken ist nicht der erste, von dem ich diesen Vorschlag höre oder lese. Bisher habe ich jedes Mal zustimmend genickt.

DAS PROBLEM GEHT TIEFER

Dann aber las ich die Erwiderung von Jochen König darauf. Und ich will jetzt überhaupt nicht darauf eingehen, wer wen richtig verstanden oder falsch zitiert hat (zumal die beiden das Tweef-Beil eh in den Kommentaren unter dem Blogpost längst begraben haben). Ich finde Königs Argument interessant, dass eine verpflichtende 7+7-Regelung nicht unbedingt dazu führen würde, dass mehr Männer Elternzeit nehmen würden. Er glaubt – und dass diese Annahme durchaus berechtigt ist, zeigen die paarundsechzig Prozent Väter, die das ihnen zustehende Elterngeld schon jetzt verfallen lassen – dass 7+7 in vielen Partnerschaften auf sieben Mama-Monate und null Papa-Monate hinauslaufen würde. De facto also, wie König schreibt, eine Kürzung des Elterngeldes für die Mutter (und das Kind und die ganze Familie) um fünf Monate – von bisher maximal zwölf auf maximal sieben.

Ich befürchte, da hat König recht. Franken hat aber auch irgendwie recht. Und wie das alles zusammengeht (beziehungsweise warum da eben was nicht zusammenpasst), lernte ich dann ein paar Tage später in diesem langen Stück über Feminismus und Sozialpolitik und Hillary Clinton beim Deutschlandfunk (Danke fürs Teilen, Antje Schrupp!) Dort steht ganz am Ende:

“In einem ihrer frühen Essays stellt die politische Philosophin Nancy Fraser die These auf, dass alle existierenden Sozialstaaten bei der Frage versagen, welche Rolle den Frauen zugedacht wird. Solange Frauen einen überproportional großen Teil der Fortpflanzungsarbeit leisten, werden, so Fraser, alle Umverteilungsprogramme, die ausschließlich auf Erwerbsarbeit basieren, Männer begünstigen – sogar, wenn sie von Vollbeschäftigungsprogrammen und umfassender Kinderbetreuung begleitet werden. Doch die Alternative – Menschen, die in der Hauptsache ihre Kinder oder pflegebedürftige Eltern betreuen, als eigene, geschützte Klasse zu betrachten – ist nicht besser. Selbst wenn Leistungen für Betreuung und Pflege offiziell geschlechtsneutral wären – die Empfänger dieser Leistungen wären immer noch hauptsächlich Frauen, was wieder die Teilung der Arbeit nach Geschlecht festschreiben und Frauen im öffentlichen Leben unterrepräsentieren würde. Beide Möglichkeiten sind schlecht, und keine davon, sagt Fraser, verlangt, dass sich bei den Männern etwas ändert.”

Ich finde, dieser Absatz fasst ganz gut einen Konflikt zusammen, den ich in der Debatte um Gleichberechtigung schon lange wahrnehme, aber bisher nicht so richtig in Worte fassen konnte. Denn irgendwas störte mich an den ganzen Gleichheits– und Karrierefeminismus-Debatten, welche die Medien dominieren und deren Hauptanliegen es ist, dass Frauen so viel verdienen wie Männer, so viel arbeiten wie Männer, so viel Karriere machen wie Männer und an sich beweisen, dass sie alles genauso gut können wie Männer.

FORTPFLANZUNG IST ARBEIT

Letzteres stimmt natürlich. In fast allen Bereichen können Frauen und Männer das gleiche leisten. Im SZ-Feuilleton las ich irgendwann mal die hübsche Zusammenfassung, dass die einzigen wissenschaftlichen belegten Unterschiede zwischen den Geschlechtern seien, dass Männer häufiger masturbieren, eher geneigt sind, fremdzugehen, und besser werfen können. Ein anderer wichtiger Punkt fehlt in dieser Aufzählung: Die meisten Frauen können schwanger werden, mindestens vier von fünfwerden tatsächlich irgendwann Mutter von einem oder mehreren Kindern. (Wie viele es tatsächlich sind, ist schwer zu beziffern. Die verlinkte Studie nennt die Zahlen für die Frauen verschiedener Generationen – aber die älteren fällten ihre Entscheidung noch unter ganz anderen gesellschaftlichen Bedingungen, bei den jüngeren sagt die Zahl nur aus, wie viele Frauen derzeit keine Kinder haben. Kann sich natürlich noch ändern). Worauf ich hinaus will: Eine große Mehrheit der Frauen ist Mutter oder wird es noch irgendwann. So zu tun, als wäre das Kinderkriegen daher etwas, das Frauen vielleicht betrifft, vielleicht aber auch nicht, und als wäre die Entscheidung dafür oder dagegen etwas völlig individuelles, wie zum Beispiel die Anschaffung eines Hundes oder eines Meerschweinchen – das ignoriert die Tatsachen.

Die oben beschriebene Feminismus ignoriert (oder schiebt es zumindest sehr an den Rand der Wahrnehmung), dass diese Frauen – und es handelt sich hier eben um eine sehr deutliche Mehrheit – viel Reproduktionsarbeit leisten müssen. Sie werden schwanger, tragen ein Kind aus und eventuell stillen sie. Selbst wenn sie letzteres nicht oder nur kurz machen, sie sind pro Kind ein Jahr körperlich (und vielleicht auch emotional, da ist jede Frau anders) beeinträchtigt und das ist eine optimistische Rechnung. Für mich persönlich würde ich zwei Jahre pro Kind ansetzen, also insgesamt vier und da habe ich die Schwangerschaft, bei der kein lebendiges Kind herauskam, nicht mitgerechnet.

Das ist die Arbeit, die in der Fortpflanzung steckt und die hauptsächlich Frauen leisten. Davor, danach und dazu kommt die Care-Arbeit. Die lässt sich zwar theoretisch einfacher zwischen den Eltern aufteilen, wird aber in heterosexuellen Beziehungen trotzdem hauptsächlich von den Frauen geleistet.

Warum das so ist, darüber könnte man einen eigenen Text verfassen (oder ein Buch oder eine ganze Bibliothek). Daher hier nur kurz die gängigsten Erklärungsmuster: Manche sagen, die Fürsorge liegt den Frauen einfach mehr im Blut als den Männern. Andere machen die gesellschaftlichen Erwartungen verantwortlich, nach der Väter das Geld nach Hause bringen sollen und die Mütter das Haus schön und die Kinder wohlerzogen halten müssen. Wieder andere sehen wirtschaftliche Realitäten wie den Gender Pay Gap und die oft fehlenden Betreuungseinrichtungen für Kinder am Werk. Und dann gibt es noch die, die behaupten, Frauen wollen es nun mal so.

Egal woran es liegt, Fakt ist: Die meisten Frauen gebären und die meisten von ihnen leisten danach den Großteil der Care-Arbeit. Dass es Paare gibt, die sich alles 50/50 aufteilen, dass manche Frauen nie Kinder bekommen und manche Väter sich Vollzeit um ihre Kinder kümmern, dass es sogar Transmänner gibt, die ein Kind austragen – all das ändert an der allgemeinen Aufteilung von Reproduktions- und Care-Arbeit wenig.

Angesichts dieser Realität könnte man dem Argument der (ich habe im Deutschlandfunk-Text gelernt, wie sie heißen) Maternalist_innen etwas abgewinnen. Das ist jene, zumindest im Mainstream völlig in Vergessenheit geratene feministische Strömung, deren Anliegen es war (oder ist? Gibt es die noch irgendwo?), Frauen und vor allem Mütter für ihre Arbeit angemessen zu entschädigen.

Hört sich im ersten Moment irgendwie gut an, oder? Wenn es schon nicht möglich ist, die Reproduktions- und Sorge-Arbeit gerecht in Mann-Frau-Beziehungen zu verteilen und deswegen bei einem Gleichheitsanspruch im Berufsleben Frauen nur den Kürzeren ziehen können, dann wäre es doch gut, sie wenigstens dafür zu bezahlen.

ALLE MACHEN ALLES

Doch egal, ob der Staat das mit einer Art Riesenherdprämie übernimmt oder Ehemänner ihren Frauen Boni auszahlen: Auch diese Möglichkeit ist schlecht, wie schon Nancy Fraser schrieb. Sie würde Mütter aus dem öffentlichen Leben de facto ausschließen, wirtschaftliche Macht und politischer Einfluss blieben ihnen verwehrt.

Weder das “Männer und Frauen machen gleichberechtigt Karriere”-Szenario noch das “Frauen machen weiter alleine die Care-Arbeit, werden aber dafür bezahlt”-Szenario kann funktionieren, weil sich in beiden an der Rolle und den Aufgaben für Männer und Väter nichts bis wenig ändert.

Frasers Lösungsvorschlag ist ein „universelles Betreuungs-/ Pflegepersonen-Modell“, das auf der Annahme beruht, dass alle, die arbeiten, gleichzeitig Betreuungspersonen sind und alle Betreuungspersonen gleichzeitig arbeiten.  Jochen König schreibt sowas ähnliches: Es brauche eine Stärkung der Menschen, die schon jetzt den Großteil der Arbeit in den Familien übernehmen. All das erinnert an Jutta Allmendingers 32-Stunden-Woche oder Manuela Schwesigs Familienarbeitszeit und an sich gibt es für die Forderung, dass sich doch nun endlich mal die Männer bewegen müssten und dass alle weniger erwerbs- und mehr Care-arbeiten sollten, keinen Originalitätspreis.

Trotzdem macht es kaum jemand. Stattdessen zeigen alle reihum mit dem Finger aufeinander, wenn die Frage aufkommt, weswegen Frauen und Männer im Berufsleben immer noch nicht gleichberechtigt sind.

Eltern sagen: „Die Unternehmen sind schuld, denn sie ermöglichen keine Karrieren in Teilzeit.“ Unternehmen sagen: „Die Mütter sind schuld, weil sie sich in der Teilzeit-Arbeit nicht genug reinhängen.“ Mütter sagen: „Die Väter sind schuld, weil sie sich weigern, Elternzeit zu beantragen oder auf Teilzeit zu gehen.“ Väter sagen: „Die Kommunen sind schuld, weil es zu wenig Kitaplätze gibt.“ Die Kommunen sagen: „Wir haben kein Geld.“ Die Medien schreiben: „Die Gesellschaft ist schuld, weil sie immer noch stereotype Rollenerwartungen hat.“ Andere Medien sagen: “Die Frauen sind schuld, weil sie viel zu viel auf einmal wollen.” Die Gesellschaft sagt: „Frauen sind so und Männer sind so, hab’s gestern erst wieder in der Zeitung gelesen.“

Und weil alle ein bisschen schuld sind, ist keiner verantwortlich, keiner muss was ändern und das Karussell dreht sich weiter in die Richtung, in die es immer schon gefahren ist. Die Richtung ändern ginge nur, wenn alle gleichzeitig umdrehen – wer es alleine versucht, wird umgefahren.

Dieser Text erschien zuerst auf dem Blog kleinerdrei.

Vater, Mutter, Kind - und das Leben ist gut?

Die österreichische Politikwissenschaftlerin Mariam Irene Tazi-Preve erforscht die Lebensumstände von Müttern und Vätern. Dabei zieht sie ein etabliertes Lebensmodell in Zweifel: die Kleinfamilie. Ein Gespräch über Mythen und falsche Erwartungen.

SZ: Heutzutage gibt es viele Formen von Familie: Regenbogenfamilien, Patchwork-Familien, Ein-Eltern-Familien und so weiter. Kann man da wirklich noch die Kleinfamilien-Norm kritisieren?

Mariam Irene Tazi-Preve: Ja, sie ist stärker denn je. Regenbogenfamilien bestehen vielleicht aus „Vater-Vater-Kind“ oder „Mutter-Mutter-Kind“, Patchwork-Familien aus „Mutter-neuer Partner-Kind“ oder „Vater-neue Freundin-Kind“. Wirklich neu ist da nur, dass Kinder aus früheren Beziehungen integriert werden. Wenn sie Glück haben, haben sie zusätzlich noch Kontakt zum anderen Elternteil – super, dann ist eine Bezugsperson mehr da! Ansonsten weichen diese Familienformen jedoch nicht von der Kleinfamilien-Norm ab. Und zum Thema Alleinerziehende kann ich nur sagen: Wenn ein Erwachsener – oder eine Erwachsene, meistens ist es ja die Mutter – ganz alleine die Verantwortung für Kinder tragen muss, dann ist das eine Katastrophe. Kein Mensch kann das leisten.

Es gibt Millionen Alleinerziehende in Deutschland, viele davon kommen ganz gut zurecht.

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Jungs sind halt so

#MeToo für Eltern: Wie man Söhne heranzieht, die Frauen respektieren – und wie es Kinder beeinflusst, wenn sie immerzu daran erinnert werden, zu welchem Geschlecht sie gehören.

Neulich mit der sechsjährigen Tochter zu Besuch bei einer befreundeten Familie. Der Sohn des Hauses scheucht seine Mutter durch die Küche, verzichtet auf „bitte“ und „danke“ und zerrt seine widerstrebende Klassenkameradin in sein Zimmer, um mit Lego-Bauten anzugeben. Die Mutter zuckt nur die Schultern: „Wenn ein Mädchen da ist, will er Eindruck schinden.“ Jungen sind eben so?

In den vergangenen Wochen wurde unter dem Hashtag #metoo über Sexismus und sexuelle Belästigung diskutiert. Es ging dabei um zotige Witze und Vergewaltigung, um Machtverhältnisse und Rollenklischees und um die Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die sich ja nicht nur als Kolleginnen und Kollegen gegenüberstehen, sondern auch als Freundinnen und Freunde, als Partnerinnen und Partner, als Liebende – und nicht zuletzt als Eltern von Jungen und Mädchen.

Wir sind weit gekommen mit der Gleichberechtigung, denken wir und schauen auf Männer in Elternzeit, die Kinderwagen durch Parks schieben. Gleichzeitig kaufen wir dem Einjährigen keinen Puppenbuggy, weil es die nur mit rosa Schmetterlingen gibt.

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Schmerzensempfehlung

Kopfschmerzen bei Kindern scheinen ansteckend zu sein. Im November jedenfalls erschienen in vielen Internetblogs von und für Eltern Sätze wie diese: „Wenn alles nicht hilft, dann gebe ich Medikamente.“ „Ich halte nichts vom Aushalten von Schmerzen.“ „Wenn die Kopfschmerzen schlimmer werden, dann nimm eine Schmerztablette.“ Es schien, als würden die Kinder sämtlicher Autorinnen und Autoren plötzlich massiv von Schmerzen und Migräne geplagt.

Nina Massek alias „Frau Mutter“, Anna Luz de Leon alias „BerlinMitteMom“, Jessica Schonk alias „feierSun“ und zahlreiche weitere Elternblogger schrieben auf ihren Seiten über Kopfschmerzen. Auch die jugendliche Influencerin TinyTina riet in einem Youtube-Video, auf jeden Fall früh genug eine Tablette zu nehmen. Unter allen Beiträgen stand so etwas wie „in Zusammenarbeit mit der Initiative Schmerzlos“ und „sponsored post t5content“.

 

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"Eltern zu benachteiligen, gilt als Kavaliersdelikt"

Arbeitsrechtlerin und Bloggerin Nina Straßner macht das wütend. Sie findet, dass selbst Betroffene viel zu viel Verständnis für diskriminierende Chefs haben.

Nina Straßner ist Fachanwältin für Arbeitsrecht in Kiel. Im Gerichtssaal sagt sie gerne „Diese Aussage entbehrt jeder Grundlage“. Weil aber „F*CK you very much“ ihre Ansichten manchmal besser ausdrückt, schreibt sie auf ihrem Blog Juramama über die rechtlichen Tücken des Elternseins.

SZ: Es gibt kein einziges Gesetz in Deutschland, das Frauen diskriminiert, und im Grundgesetz steht die Gleichberechtigung seit Jahrzehnten. Warum regen Sie sich so auf?

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